Nahrungsmittel sind zu billig

Quelle: DiePresse.com – 22.02.2016


Bei konventionellen Produkten spiegeln die Preise die „wahren Kosten“ für Mensch und Umwelt nicht wider, sagt der Agrarökonom.

„Nahrungsmittel sind viel zu billig“ ist die auf ersten Blick provokante Erkenntnis des Agrarökonomen und Trägers des alternativen Nobelpreises Hans-Rudolf Herren. Der Agrarökonom glaubt, dass die aktuellen Preise nicht die ganzen Kosten widerspiegeln. Wenn man die „wahren Kosten“ erfassen würde, inklusive Klimaschäden, Bodenverschlechterung und Gesundheitsfolgen, dann wäre heute schon nachhaltig produziertes Essen günstiger als industriell erzeugtes: „Wir kaufen im Supermarkt billig ein, aber für Umwelt und Gesundheit zahlt dann die Gemeinschaft“, kritisierte Herren, für eine große Konferenz über die Zukunft des Wachstums in Wien.

Aufgrund der niedrigen Preise komme es zu Verschwendung und nachhaltig erzeugte Produkte hätten es schwer, sich durchzusetzen, sagte Herren. In Entwicklungsländern geht viel bei der Produktion verloren, in Industrieländern bei Vertrieb und Haushalten.

Doppelt so viele Lebensmittel wie benötigt

Herren und Landwirtschafts- und Umweltminister Andrä Rupprechter sehen das Dogma des permanenten Wachstums der Produktion sehr kritisch. „Schon Wachstum, aber nicht dieses“ meint Rupprechter: „Es geht um Ressourceneffizienz. Das wird das wichtigste Thema der nächsten zwei Jahrzehnte.“ Von Umverteilung wolle er nicht reden, denn das klinge so, als ob jemand zugunsten anderer auf seinen Wohlstand verzichten müsse.

In Wahrheit gehe es darum, den eigenen Wohlstand zu erhalten und zugleich anderen Menschen die Teilhabe an diesem zu ermöglichen. Grundsätzlich müsse die Landwirtschaft auch nicht ihre Produktion erhöhen, denn die Welt erzeuge jetzt schon doppelt so viele Nahrungsmittel – gemessen an den Kalorien – wie benötigt, rechnete Herren vor.

„Pflug schädigt Mikroorganismen“

Für Herren geht das etwa durch die Einführung regional angepasster moderner – und ökologischer – Produktionsmethoden in der Landwirtschaft. Damit könne man häufig rasch eine Verdreifachung der Ernte erreichen und damit Umwelt und Ressourcen schonen. Es sei zum Beispiel erstaunlich, dass immer noch Bauern mit dem Pflug arbeiten, obwohl man heute wisse, dass das Aufbrechen des Bodens für Mikroorganismen wie auch für die Umwelt schlecht ist.

Ziel müsse es sein, dass der Boden nach dem Produktionszyklus besser da steht als davor, so Herren. Je mehr Humus, desto mehr CO2 aus der Luft werde gebunden. Aber der Weg dorthin führe einerseits über die Umstellung von Gewohnheiten, was Schulung und Ausbildung verlangt, andererseits über Investitionen in andere Maschinen. Gelinge aber die Umstellung, dann sei die Landwirtschaft weniger abhängig von Wetterschwankungen und könne einen konstanteren Ertrag liefern.


Quelle: DiePresse.com – 22.02.2016